7/03/2020

1981 revised 2

Photo Peter Mochi, 2019
Colorchecker in front of Constanze Schweiger, I Like, 2019, detail

Zurück am Tisch betrachte ich eine Komposition aus vier geometrischen Körpern in separierten Farben, die ein schematisches Profil auf dem Kopf einer Figur aufstellen. Im Bildausschnitt sind Grün, Schwarz, Gelb, Magenta vor eine braune Fläche platziert. So weich wie diese Fläche mit einem Spot angeleuchtet wird, treten die vielen multiplen Farbwerte, in die man das Braun auffächern kann, zu den Grundfarben vor ihr vergleichbar bunt auf. Vor mir fassen verschiedene Hände in weißen Trikothandschuhen nach den Spitzen der Komposition. Sie greifen ins Bild, eine nach der anderen, fassen, ziehen, trennen. Ich verfolge die Bewegungen der Hände und muss dabei an Zeichentrickfiguren denken, Dienende, Paradeuniformen, Feinmontage und an Lotsen, wenn sie auf etwas zeigen, bevor sie uns vorbei winken. Schere schneidet Montage. Stück für Stück werden die mobilen Elemente aus dem Bild geholt: erst die lange grüne Nase, das Mundstück, die nach unten gerichtete Kinnspitze und als letztes heben die Hände den nach oben gestreckten schwarzen vierseitigen Pyramidenhut an. Aus der Zusammenstellung tritt ein anderer Umriss hervor, der vertraut wirkt, an den Seiten geschwungen, oben eine plane Ebene. Die neue Figur öffnet die Augen und wendet sich aus dem Profil. Sie singt „strange,“ dieses Gesicht hätte sie schon mal gesehen, so blickt sie direkt durch die Bildfläche uns an. Korrespondierend mit dem Hintergrund, setzt sich ihr Antlitz aus warmen Tertiärfarben zusammen und Purpur. Vergleichbar mit einer Fassade aus Metall, die in mehr oder weniger mattierte und gestrichene Abschnitte aufgeteilt ist, wird das Licht im Raum unterschiedlich wiedergegeben. Ihr Mund ist einfach rot, mit einer geschwungenen Linie umrahmt. In der Umgebung mischen sich Abstufungen zwischen Reflexpartikeln, bunten Schatten und absorbierenden Stoffen aufgetragen über Glanz. Die Figur lässt den Blick schweifen und richtet ihn auf anderem Weg wieder auf die, die sie beobachten, während die vertikalen Flächen im Bild und in ihrem Gesicht wiederum das gestreute Licht spiegeln. Alles was lebt scheint, alles was künstlich ist glänzt. Aus mehreren Schritten Entfernung öffnet sich die Szene weiter im Ausschnitt und immer weiter. Der Raum ist ein Garten, in dem steht die Figur auf einer elektrisch beleuchteten Bühne, sie trägt schwarze Handschuhe und hat das Spielbein auf ein Podest gesetzt, dabei fällt ihr Schatten von rechts nach hinten auf changierendes Studiopapier. Hinter der Bühne tauchen aufgereiht über dem Studiopapier wieder weiße Handschuhe auf. Die Claqueure greifen über die Kulisse und aus den Hecken, sie klatschen und winken mit den Händen in den weissen Handschuhen. Gelblichrosabraun, Blattgrün und Schatten nebeneinander. Mit der Bewegung weg von der Figur, taucht die Grenze der Gartenanlage in den Bildraum. Alles sitzt auf einem Dach, begrenzt von einer Balustrade. Der Stil der Körper reproduziert sich im Setting, nachts in einem bepflanzten Bereich über einer Stadt mit Menschen und Maschinen, die man hören kann. Ein kleines Publikum, Pyramidenhüte, Tetraedernasen, Hände in Handschuhen, man steht verstreut zwischen den geschnittenen Buchsbäumen auf dem Dach und klatscht.

5/02/2019

Continuous Composition

View of Continuous Composition from the bathroom of the Mackey Apartment where the textile was dyed with turmeric. Letter Pillows by 69. MAK Center for Art and Architecture, Los Angeles 2019

Once, before there was a gallery built on top of the garages at Schindler’s Mackey Apartments, there had been only a rooftop lined with gravel. Unofficially, someone had assembled a washing line on there which was temporarily used by the coming and going residents at the apartments. For some years, different people would repeatedly and interchangeably hang dry their sheets and clothing.
  Borrowing from Gertrude Stein’s 1926 lecture "Composition as Explanation," Constanze Schweiger remembers this every day act as making “a natural composition in the world as it has been.” For Continuous Composition Schweiger dyes a 39 x 9 feet (12 x 3 m) roll of cotton muslin with turmeric powder at the Mackey Apartments to hang for drying on a steel wire spanned across the length of the exhibition space. The dyed material will remain installed at the gallery for the duration of the exhibition, where it will be exposed to sunlight. Day by day, the sun will cause the infused dyestuff to change color color from bright yellows to pale beiges or colorless. We don't know yet.
  Aside from being a spice for cooking, turmeric is one of the early dye plants along with madder, or indigo. Dyeing with turmeric has since become outmoded while indigo is still common today in the mass production of denim, at least in its synthetic form.
  Schweiger has invited the Los Angeles fashion house 69 to extend their ongoing use of denim with a large-scale installation involving letter-shaped pillows forming the sentence "Everything is contemporary." Further exploring this experiment in impermanence, 69 has created the entire alphabet in the same material for visitors to arrange as they wish.
  In "Portraits and Repetition," another lecture from 1935, Gertrude Stein states, "each time there was a difference just a difference enough so that it could go on and be a present something." Stein was inspired by film where no two pictures repeat exactly the same, in turn they combine in our memories to create one object persisting through time.

1/14/2018

1981 revised

Zurück aus dem Atelier im Wiener Prater betrachte ich sie, diese Zusammenstellung aus geometrischen Formen, die eine Art Kopf im Profil nachstellt. Vor mir fassen Hände, die in weißen Trikothandschuhen stecken, nach den Spitzen der Komposition. Sie greifen langsam und präzise ins Bild, wie Hände von Zeichentrickfiguren, von Ausstellungs-Monteuren oder Lotsen, wenn sie auf etwas zeigen. Schere schneidet Montage. Stück für Stück werden die beweglichen Elemente aus dem Bild entfernt: die tetraederförmige Nase, das Mundstück, die nach vorn gerichtete Kinnspitze und der schwarze Hut aus einer nach oben gestreckten Pyramide. Aus der Zusammenstellung tritt die Trägerin der geometrischen Körper hervor. Diese Silhouette kennt man; an den Seiten geschwungen, oben ganz flach. Sie öffnet Augen und Mund und wendet sich zu uns. Sie singt, „Strange“, das Gesicht habe sie schon mal gesehen, während sie direkt aus dem Bild in uns schaut. Ihr Gesicht ist mit Brauntönen überzogen, die in unterschiedliche Farbrichtungen changieren. Es ist in mehr oder weniger mattierte und gestrichene Flächen aufgeteilt. Über den Lippen liegt eine Schicht Rot, die wirkt durchscheinend und wird von einzelnen Reflexpunkten und einer Goldrahmung definiert. Rundherum verlaufen alle Farbabstufungen ins Dunkle, dunkel auf dunklem Grund. Sie lässt ihre Augen schweifen und richtet sie über einen anderen Weg auf uns. Dabei spiegelt die Fläche der Stirn das seitlich von links neben uns ins Bild gerichtete Licht wie eine Metalliclackierung. Alles was lebt scheint, alles was künstlich ist glänzt. Wir treten zurück, dadurch öffnet sich der Bildausschnitt. Wir bemerken, durch die Bewegung erschließt sich die Szene. Sie hat das Spielbein auf ein Podest gesetzt, hinter ihr Schatten auf einer kakaofarbigen Fläche. In der Art posiert hier eine durch und durch gestaltete Erscheinung auf einer Bühne im Freien. Dahinter tauchen im Schatten über der Bühnenkante aufgereiht wieder weiße Handschuhe auf. Die Claqueure, die Kulisse, Grün oder Schatten. Das alles ist in einen Garten auf ein Hochhaus platziert. Der Stil der Körper reproduziert sich im Setting der Anlage nachts in einer leuchtenden Stadt auf einem Dach neben der Skyline. Ein kleines Publikum, Pyramidenhüte, Tetraedernasen, Hände in Handschuhen, man steht verstreut zwischen den Hecken auf dem Dach und applaudiert.

11/05/2017

Nach "Anmut hat Gelingen"

Nach "Anmut hat Gelingen"
kunstraumlangenlois p.p.
© Michael Part, Constanze Schweiger, 2017

Die Ausstellung “Nach ‘Anmut hat Gelingen’” ¹ ² setzt sich aus fünf tafelbildartigen Skulpturen und einer Reihe von textilen Gefässen zusammen. Die Tafeln an den Wänden auf der einen Seite fassen Formen von Stoffstücken ³, die in Gips abgegossen und nach dem Aushärten entfernt wurden und in denen einige Fasern der Textilien mit ihren Farben und Musterungen ⁴ zurückblieben. Auf der anderen Seite, aufgereiht vor der Wand liegen die Gefäße ⁵, die später aus den Stoffstücken erstellt wurden. Sie zeigen Ausschnitte der Stoffmusterungen, gestrafft und fixiert durch den Gips, den sie beinhalten.

¹ Das Zitat “Anmut hat Gelingen” stammt aus dem 22. Zeichen “Bi” der chinesischen Textsammlung “I Ging”. 

² Mit "Anmut hat Gelingen” beginnt ein Künstlertext von Constanze Schweiger, der 2012 auf constanzeschweiger.blogspot.com publiziert wurde. Dieser Text erzählt die Anekdote der Entstehung der “Batiksocken” von Michael Part. Der Text war 2015 Anlass für eine Kooperation: Ein Scan der ursprünglichen Batiksocken ist in die Typografie platziert und in ein Billboard umgesetzt.

³ Der Anekdote zu den Batiksocken folgend sind Stücke von Baumwollstoff mit Natriumdithionit behandelt worden. Diese Substanz ist ein starkes Reduktionsmittel, in der Fotografie wird sie als eine nur zum Teil praxistaugliche Entwicklersubstanz für den Silbergelatine-Prozess eingesetzt. Sie ist allerdings sehr gebräuchlich in der Umkehrentwicklung und auch bei der Extraktion von gelöstem Silber im verbrauchten Fixierbad. Der gegenwärtige industrielle Einsatz von Natriumdithionit findet hauptsächlich bei der Produktion von Entfärbemittel für Textilien statt.

⁴ Die Stoffstücke stammen aus einer Testreihe zur entfärbenden Wirkung von Natriumdithionit. Gewickelt und verknotet, mit der Substanz behandelt, entstanden batikartige Musterungen, die im Gegensatz zum Batik-Verfahren nicht gefärbt sondern entfärbt sind.

⁵ Für die Produktion der Gefäße sind die Stoffstücke horizontal geviertelt. Um jedes Gefäß seinem zugehörigen Abguss zuordnen zu können, wurden sie mit eingenähten Indexes versehen.

5/27/2017

Kurkuma convey. Our limbs leave invisible pollen on the pages

Our limbs leave invisible pollen on the pages

Exhibition text Constanze Schweiger
Kurkuma, convey. Our limbs leave invisible pollen on the pages
May 12 – May 26, 2017
Kunstverein New Jörg, Vienna

„The night The Book of Bean opened in New York was the night of the blackout. Remember? It happened two hours before things were going to begin.“ recalls Alison Knowles in an interview with George Quasha. One night in July 1977, in the middle of a bitter heat wave, when the city was facing a severe financial crisis, electric power failed all over New York City. Looting, vandalism and arson were rampantly taking place until late in the following day. The whole city was in a state of dissolution and pervasion. On the evening of that dark night, Allison Knowles released one of her book sculptures; a book in the size of a very small house, with ultralarge moveable pages. You could walk around the sculpture, step or leave through its pages, and spend some time in the different spaces created between the pages.
  The impulse to make Untitled (convey Regular, convey Regular Italic) came last year in March from Gabriele Lenz who designed the typeface convey. In order to have material to print with her typeface on 10 meters of sateen, I produced text made of observations and ideas on reading materials by Alison Knowles, Gertrude Stein, Friederike Mayröcker, Yoko Ono, Tavi Gevinson, Hannah Black, in which the writers discuss the processes of reading, writing and publishing. In the meantime the design for the sculpture is ready for production. Another type but equally long panel of cotton cloth was dyed with turmeric and hanged up to dry in the exhibition space. Until the end of the show, by exposure to sunlight the dyed cloth will change its color. When the text is printed on fabric and the work is delivered to the exhibition space, it will be installed next to this other fabric dyed with turmeric. After the show Untitled (convey Regular, convey Regular Italic) will be cut up into pieces in order to produce objects that can be used differently, as for example tote bags into which you can put anything such as books you want to carry with you.
  Since March 2016 many things have happened and clearly some things feel different. Here around me and out in the world critical changes are taking place which are not completed yet and which are affecting me continuously. During reading for this exhibition text, I come across a sentence from a version of the interview with Alison Knowles and George Quasha which is missing in the copy I hold. In this sentence Quasha means that we would leave marks with our bodies, „invisible pollen on the pages“ for those who come after.
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„The night The Book of Bean opened in New York was the night of the blackout. Remember? It happened two hours before things were going to begin.“ erinnert sich Alison Knowles in einem Interview mit George Quasha. In einer Nacht im Juli 1977, während einer Hitzewelle, in einem Moment in dem sich für New York City eine schwere Wirtschaftskrise abzeichnete, fiel überall in der Stadt der Strom aus. Bis in den nächsten Tag hinein wurde geplündert, randaliert und Feuer gelegt. Die ganze Stadt befand sich in einem Zustand von Auflösung und Durchdringung. Am Abend dieser Nacht also veröffentlichte Allison Knowles eine ihrer Buchskulpturen; ein Buch so groß wie ein sehr kleines Haus mit übermenschengroßen Seiten, um die man gehen, sie bewegen, durch sie hindurch steigen und zwischen denen man Zeit verbringen konnte. 
  Der Anstoß zu Untitled (convey Regular, convey Regular Italic) kam im März vergangenen Jahres von Gabriele Lenz, der Gestalterin der Schrift convey. Um 10 Meter Baumwollstoff mit der convey zu bedrucken, sind sechs Texte entstanden, in denen ich Ideen zu den Vorgängen Lesen, Schreiben und Veröffentlichen von Alison Knowles, Gertrude Stein, Friedericke Mayröcker, Yoko Ono, Tavi Gevinson und Hannah Black aus verschiedenen Lesequellen nacherzähle. Der Entwurf dazu ist für die Produktion fertiggestellt und eine andere, gleich lange Stoffbahn ist mit Kurkuma gefärbt und im Ausstellungsraum zum Trocknen aufgehängt. Dort wird der gefärbte Stoff bis zum Ende der Ausstellung über die Einwirkung von Sonnenlicht seine Farbe verändern. Wenn die Texte dann auf die zehn Meter Baumwollsatin gedruckt sind und die Arbeit an den Ausstellungsraum geliefert wurde, wird die Stoffbahn neben den gefärbten Stoff installiert, um nach der Ausstellung in Stücke geschnitten zu werden und um später anders verwendbare Objekte daraus zu produzieren, wie zum Beispiel Taschen, in die man alles mögliche oder einfach Bücher hineintun und mit sich tragen kann. 
  Seit März 2016 ist einiges passiert und manches fühlt sich deutlich anders an. Hier um mich und in der Welt finden kritische Veränderungen statt, die noch nicht abgeschlossen sind und mich laufend beeinflussen. Beim Lesen für diesen Ausstellungstext finde ich einen Satz im Interview von Alison Knowles und George Quasha, der in der Fassung fehlt, die ich besitze. In dem Satz meint Quasha, wir alle würden mit unseren Körpern Spuren hinterlassen, unsichtbare Pollen auf den Seiten für die, die danach kommen.

2/26/2017

1984 Friederike Mayröcker

Wenn ich mich frage, was ich da mache, finde ich es komisch, wie eben diese Fixierpunkte, in einer Reihe gesehen, am Ende durcheinander wirken. Zwischen Tastatur und Magen lese ich bei Friederike Mayröcker, "Diese elliptischen Gespräche sind eine Bodenfalte in die einer fällt". Wenn er geht und dabei spricht, um sich daran zu erinnern, an das Gehen und was gesprochen wurde, um danach zu greifen – "oberhalb seines Kopfes das fadenziehende Licht greift" – dann ist das Fallen, Straucheln wie ein Prädikat. "Man muss damit nicht nur lange gehen, sondern sich mit diesem Stück Poesie lange auseinandersetzen, wenn man es geschrieben hat, man muss lange korrigieren, feilen, Korrekturen von Korrekturen machen, aber vor allem muss man sehr geduldig sein : so ein Stück Text arbeitet ja nach der Fertigstellung weiter[…]" Man muss es ganz für sich allein ruhen lassen, es liegen lassen, es rasten lassen, wie Teigmasse, meint sie. Sie versucht visuelle Wahrnehmungserfahrungen und ihre direkte oder indirekte Umsetzung in Sprache zu veranschaulichen. Demnach fantasiert sie etwas Bildliches und denkt dazu etwas Sprachliches, das sie später mehrmals umformt und im Verlauf mit der Maschine fixiert. Ich lese also Friederike Mayröcker zwischen Tastatur und Magen, dazwischen beuge ich mich über den Text um einen Satz zu fixieren. Ich lese den Satz oder einen Teil aus dem Text, lese teilweise laut, dann korrigiere ich das Fixierte ein wenig und lese wieder oder ich suche den Punkt im Text, den ich während dem Fixieren gelassen habe.

Seit 1984 versammelt Friederike Mayröcker zusammen mit dem Suhrkamp Verlag alle drei bis vier Jahre in einem aktuellen Band der Reihe der Magischen Blätter eine Auswahl an kurzen Prosatexten zu den Gründen des Schreibens und des Lebens.

Friederike Mayröcker, Magische Blätter I, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1984